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Arbeit und Gesundheit Ausgabe 06/10

Leben im Gleichgewicht


Arbeit und Gesundheit 06/10 „Ich bin total im Stress!“ Das könnte der meistgesprochene Satz auf der ganzen Welt sein. Doch Stress ist nicht grundsätzlich schlecht, ein Leben ohne ihn wäre ganz schön langweilig. Der springende Punkt ist: Stress darf nicht zum Dauerzustand werden und uns aus dem inneren Gleichgewicht werfen.


Stress ist hier und überall. In der Schule, zu Hause, im Freundeskreis und natürlich im Job. Wir hetzen von Termin zu Termin und von Aufgabe zu Aufgabe. Zeit für Erholung und Entspannung bleibt da kaum noch. Gesundheitsexperten warnen inzwischen nachdrücklich vor den Folgen eines lebenslangen Stressmarathons. Mit 20 Jahren Rückenschmerzen, Burnout mit 40, Herzinfarkt mit 50 sind alles andere als gute Aussichten. Wer ein ganzes Leben lang fit und gesund bleiben will, sollte möglichst früh lernen, seinen persönlichen Stress aktiv und souverän zu managen. Auf Anspannung muss Entspannung folgen, sonst laufen unsere Akkus leer. Diese immer wieder aufzuladen, ist eine große Kunst und unterscheidet einen ausgeglichenen von einem ausgebrannten Menschen.

RUNTER VON DER COUCH
Die einen laufen Marathon, die anderen atmen in ihre Körpermitte: Es gibt viele Methoden, Anspannungen abzubauen und den Körper wieder ins Lot zu bringen. Was aber sind die besten? Next fragt jemanden, der es wissen muss: Hans-Peter Greif leitet seit vielen Jahren Anti-Stress-Seminare und coacht Stressopfer.

NEXT: Egal, welche Zeitschrift man aufschlägt, als erstes Rezept gegen Stress werden Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, Tai Chi, Yoga und Progressive Muskelentspannung angepriesen. Ist das auch was für junge Leute?

GREIF: Das hängt natürlich von mehreren Faktoren ab. Vorlieben und Persönlichkeitstypen spielen eine große Rolle. Bin ich ein Bewegungstyp, der auf Action und Schweiß steht, oder lasse ich es eher ruhiger angehen? Die klassischen Entspannungsverfahren aus Europa und Asien sind in ihrer Anti- Stress-Wirkung unbestritten sehr hilfreich. Der Eindruck, das sei nur was für Senioren oder „Warmduscher“, entsteht oft schlichtweg aus Unkenntnis.
Wer sichwirklich einmal näher mit diesen Methoden beschäftigt, ist oft nach kurzer Zeit richtig begeistert – unabhängig vom Alter. Natürlich kommt es darauf an, wie das Training präsentiert wird. Auch das als „altbacken“ geltende Autogene Training kann frisch und attraktiv vermittelt werden. Auf der Suche nach einem passenden Kursleiter verschafft man sich am besten erst mal einen Überblick, welche Sportvereine, Volkshochschulen oder Krankenkassen so etwas anbieten – und dann einfach durchschnuppern, bis der Lieblingskurs gefunden ist.

NEXT: Und wenn man so gar nicht auf Tiefenentspannung und Bauchatmung steht?

GREIF: Dann ist eine Sportart das Richtige, bei derman sich mit Spaß auspowern kann. Neben den Klassikern wie Fußball, Volleyball, Joggen und Radfahren gibt es zig weitere Möglichkeiten. Zum Beispiel Step-Aerobic – ein Ausdauertraining mit Musik – oder Tae-Bo, eine Fitnesstechnik mit sehr dynamischen Bewegungen aus dem Kampfsport, die in nahezu jedem Fitnessstudio angeboten werden. Sehr beliebt ist auch Climbing oder Bouldern, also Klettern in der Kletterhalle. Das trainiert die Muskulatur, die Koordination und die Konzentration. Auch fernöstliche Budo-Sportarten wie Judo, Karate oder Aikido können wesentlich zu einem harmonischen Leben beitragen, da sie Körper und Geist gleichermaßen stärken. Allerdings erfordern diese Sportarten einen relativ hohen Zeitaufwand und die Disziplin, kontinuierlich dabei zu bleiben. Generell gilt: Egal, was man tut, man sollte es regelmäßig tun. Vor allem Entspannungsmethoden wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung müssen über eine längere Zeit geübt werden, nur dann kannman sie in Stresssituationen auch wirklich anwenden.

NEXT: Sport allein reicht aber zur Stressprävention nicht aus, oder?

GREIF: Nein, so einfach ist es leider nicht. Wer nach 20 oder 30 Jahren im Job nicht ausgebrannt sein will, sollte unbedingt auf einen einigermaßen gesunden Lebensstil und seine „Work-Life- Balance“ achten. Workaholics, für die es nichts als die Arbeit gibt, sind irgendwann am Ende. Familie, Freunde, Hobbys und persönlicher Freiraum: All das gehört zu einem zufriedenen Leben dazu und ist ein extrem wichtiger Ausgleich zu den beruflichen Anforderungen.



STRESS IM JOB UND KEIN ENDE ABSEHBAR?
Haben Sie das Gefühl, in Ihrem Job in einer Stressfalle gelandet zu sein? Dann sollten Sie darüber nachdenken, wie Sie diese Situation ändern können, und sich nicht einfach Ihrem Schicksal fügen. Lassen sich in Ihrer Abteilung vielleicht Arbeitsabläufe ändern und Kommunikationsstrukturen
verbessern?
Fühlen Sie sich überfordert, weil Ihr Chef Ihnen zu viel zumutet? Egal, um welches Problem es sich handelt, werden Sie aktiv und suchen Sie das Gesprächmit Ihrem Vorgesetzten, dem Betriebsrat oder dem Ausbildungsbeauftragten. Schalten Sie gegebenenfalls erfahrene
Kollegen als Vermittler ein. Vergessen Sie nicht, dass Sie als Auszubildender das Recht auf eine fundierte Ausbildung unter Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener Arbeits- und Pausenzeiten haben. Auch wenn dies ein unpopulärer Ratschlag ist: Überlegen Sie notfalls, ob
Sie wirklich bei einem Arbeitgeber bleiben wollen, der ständig gegen Vorschriften verstößt und Sie als „billige“ Arbeitskraft ausnutzt.
Suchen Sie sich auch in Ihrem privaten Umfeld eine Vertrauensperson, die Ihre Sorgen ernst nimmt und Ihnen beisteht. Der Spruch „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ hat durchaus seine Berechtigung. Auch der Hausarzt oder anonyme Telefon- oder Internetberatungsstellen können weiterhelfen.

 

Tief Durchatmen - Tipps gegen akuten Stress

Die Chefin bittet Sie ganz spontan, bei der Abteilungsversammlung in einer Stunde ein kleine Power-Point-Präsentation vor versammelter Mannschaft zu halten. „Ich kann mich doch auf Sie verlassen, nicht wahr?“ Schock! Adrenalin pur, Blackout. Solchen akuten Stresssituationen ist man mit ein wenig Übung nicht schutzlos ausgeliefert. Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, an dem Sie allein sind und sich konzentrieren können. Mit den folgenden Übungen können Sie sich in nur zwei Minuten wieder etwas „runterbeamen“.

ATEMZÄHLEN

Schließen Sie die Augen und achten Sie auf Ihre Atmung. Atmen Sie tief in Ihren Bauch hinein. Zählen Sie mit jedem Einatmen innerlich von 1 bis 10, danach mit jedem Ausatmen von 10 bis 1 zurück.

HIER UND JETZT 120

Richten Sie den Blick auf das Zifferblatt Ihrer Armbanduhr. Warten Sie, bis der Sekundenzeiger die 12 erreicht hat. Verfolgen Sie nun aufmerksam den Sekundenzeiger auf seinem Weg um das Zifferblatt; richten Sie Ihre Konzentration auf den Vorgang des Betrachtens aus; sollten Ihre Gedanken abschweifen, so hat das keine Bedeutung; richten Sie einfach Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Sekundenzeiger aus und „begleiten“ Sie ihn auf seinem Weg. Nach Ablauf von zwei Minuten nehmen Sie wieder die vorherige Tätigkeit auf oder wiederholen die Übung.

KLEINE REISE
Setzen oder legen Sie sich bequem hin. Schließen Sie die Augen und reisen Sie in Gedanken an einen für Sie besonders schönen Ort. Versuchen Sie, diesen Ort mit allen Sinnen wahrzunehmen, also riechen, schmecken, tasten, hören und sehen Sie ihn. Konzentrieren Sie sich intensiv. Kehren Sie mit einem tiefen Atemzug ins wirkliche Leben zurück.

PALMIEREN
Führen Sie die Hände zusammen, wobei die Handinnenflächen sich sanft berühren. Üben Sie nun einen leichten Druck auf die Handinnenflächen aus und beginnen Sie, die Hände kräftig aneinander zu reiben. Durch die Reibung entsteht Wärme. Vorsicht: Nicht zu kräftig reiben! Wenn Sie ein deutliches Wärmeempfinden an den Fingern und Handtellern wahrnehmen, legen Sie die Handballen sanft auf die Augen und Augenumgebung. Die Finger ruhen locker auf der Stirn. Lassen Sie die Wärme und das angenehme Kribbeln ganz nach Ihrem persönlichen Zeitgefühl einige Augenblicke wirken. Genießen Sie die entstehende Entspannung und wiederholen Sie den Vorgang bei Bedarf.



GÖNNEN SIE SICH EINEN COACH
Fühlen Sie sich schneller gestresst als andere? Jede besondere Aufgabe oder Prüfung verursacht Magenschmerzen und schlaflose Nächte? Nervt Sie das? Dann lohnt es sich, schon zu Beginn Ihrer beruflichen Laufbahn ein professionelles Anti-Stress-Seminar zu besuchen. Volkshochschulen, Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und private Dienstleister bieten solche Seminare an, in denen die Teilnehmer lernen, mit dem Thema Stress und persönlicher Belastung anders umzugehen, die eigene Einstellung zu ändern (Stichwort Perspektivenwechsel) und sich die zur Verfügung stehende Zeit effektiver einzuteilen.

>> www.arbeit-und-gesundheit.de